Starke Charaktere...

... eine Herausforderung!

Katja hat mich in meinem alten Gästebuch mal gefragt, was gute Charaktere ausmachte. Tiefgründig müssen sie sein, klar, aber wie genau kriegt man das hin. Hier ist MEINE Antwort ( es gibt aber schätzungsweise eine Milliarde Antworten auf diese Frage, also wenn ihr es anders macht - nur zu! )


Das wichtigste bei der Charakterisierung ist meiner Meinung nach die Vielschichtigkeit. Besonders Hauptpersonen, aber auch Nebenpersonen ( die werden leider oft vergessen ) sollten mehr als eine Seite haben. Ganz wichtig ist ( finde ich ) dabei, dass z.B. die Hauptperson, also meistens der 'Gute' auch mal Fehler macht. Es muss keine böse Absicht sein und auch kein riesiger Skandal, aber niemand ist perfekt - auch die Hauptperson eines Buches nicht. Diese Fehler können sowohl Dummheiten sein als auch charakterliche Schwächen ( z.B. Eifersucht, Trotz oder so ). Eine Hauptperson muss kein Moralapostal sein, auch wenn sie natürlich sympathisch bleiben muss. Denk zum Beispiel mal über deine Freundinnen nach. Sicher hat jede so ihre Schwächen, aber trotzdem magst du sie, weil du darüber hinweg sehen kannst - ganz ähnlich ist das auch bei Hauptpersonen.
Dann gibt es natürlich noch den Bösen, meistens zumindest. Da ist vor allem wichtig: Kein Mensch ist von Natur aus böse ( oder wenigstens nur sehr, sehr wenige ). Zeige am Besten die Motive des Bösen auf. Wenn du ein richtig dickes Buch oder einen Mehrteiler schreibst, kannst du z.B. irgendwann mal auf schlechte Erfahrungen oder eine unschöne Kindheit eingehen, die der Böse durchgemacht hat. Genau wie für den 'Guten' gilt: Menschen sind nicht nur schwarz-weiß. Der Gute macht Fehler, dafür sollte der Böse hin und wieder menschlich wirken. Er muss keine 180°-Wendung machen, es reicht, wenn er eine verletzliche Eigenschaft hat, irgendetwas, dass ihn von der bösen Übermacht zum bösen Menschen macht. Das kann z.B. Liebe, Angst, Trauer usw. sein.
Was oft vergessen wird, und das trifft auf Böse wie Gute zu, ist, dass Charaktere meistens Menschen sind und dementsprechend menschliche Schwächen haben. Der Ritter hat hinter seiner glänzenden Rüstung auch ein Herz, Gefühle und Ängste. Was für mich persönlich die stärksten Charaktere sind, sind genau die, die plötzlich über sich hinauswachsen bzw. langsam 'auftauen', also im Laufe der Geschichte zunehmend liebenswürdiger werden.
Wichtig ist auch, dass der Charakter, besonders wenn die Geschichte in der realen Welt spielt, auch ein Leben außerhalb deiner Geschichte hat. Hat er/sie Hobbies, Freunde, eine Familie, muss er/sie zur Schule, zur Arbeit? In vielen Büchern leben die Charaktere nur für die Hauptgeschichte, ohne die wäre ihre Existenz sinnlos. Das ist meiner Meinung nach eine ganz große Schwäche, die aber gerade z.B. in romantischen Büchern oft auftaucht...
Und noch ein kleiner Tipp: Achte nicht zu sehr auf Äußerlichkeiten. Irgendwo im Buch sollten die Charaktere natürlich schon mal beschrieben werden, aber das muss nicht gleich auf der ersten Seite sein und es kann auch Stück für Stück geschehen...
Mein Fazit also: Ein Mensch muss vor allem vielschichtig sein. Eine Geschichte braucht Gut und Böse, aber das muss nicht schwarz-weiß sein. Achte einfach darauf, dass deine Charaktere Stärken und Schwächen haben, dass ihr Leben aus mehr als nur der von dir erzählten Geschichte besteht und dass niemand perfekt und gleichzeitig niemand 100%ig böse ist.
Das klingt jetzt bestimmt alles total schwer - aber du wirst merken, je länger du an deinem Buch schreibst, desto mehr wirst du die Charaktere kennenlernen und desto besser wirst du sie charakterisieren können. Ich persönlich bin kein großer Fan von Plänen, weil ich sie sowieso wieder über den Haufen werfe, aber vielleicht hilft es dir ja, vorher Steckbriefe zu deinen Charakteren zu machen oder sie vielleicht sogar mal zu zeichnen...
Vor allem darfst du keine Angst vor ihnen haben. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber irgendwann entwickeln sie ihr Eigenleben und du lernst vielleicht Seiten an ihnen kennen, die so gar nicht geplant waren ( Aber natürlich darf sich auch kein Charakter innerhalb von 20 Seiten komplett verändern... ) Mir persönlich kommt es so vor, als wären sie alle schon da und ich würde sie durch meine Wörter Stück für Stück besser kennenlernen.
Wenn du deine Charaktere selbst gut kennst, mit ihren Stärken und Schwächen, dann wirst du sie auch gut charakterisieren können.


Ganz nebenbei: Mein Lieblingscharakter (aus einem eigenen Buch) ist im Moment .... Trommelwirbel ... Julian Brecht. Oh. Mist. Den kennt ihr ja gar nicht. Zu dumm aber auch, dass es Patrizia immer noch nicht in den Buchladen geschafft hat. Und nein, ich mag ih nicht, weil er zu den männlichen Hauptpersonen zählt, sondern weil ich glaube, er ist die wahrscheinlich vielschichtigste Person, die ich bisher erschaffen habe. Erschaffen werde. Noch beläuft sich sein Auftrittspensum nämlich auf etwa 1% von seinem Gesamtauftrittspensum und die Hälfte dieser Auftritte hat er in einem Komatraum...

Andere (meiner Meinung nach) gut gelungene Charaktere

aus meinen Büchern: John Conally (WwdW), Wolfram von Stettenwald (Patrizia), Andy Carter (WwdW 2)

Und nein, ich mag nicht den Charakter an sich, sondern nur seine Vielschichtigkeit. Wer mag schon Wolfram...???