Eine kleine Leseprobe...

Das erste Kapitel ist zwar das kürzeste, aber es bietet auch eine gute Einführung. Ich habe es übrigens kurz nach meinem elften Geburtstag geschrieben und seitdem ist es (fast) unverändert.


Die orange Sonne über den Koppeln Kentuckys wandte sich dem Westen zu; über die weiß gestrichenen Zäune legte sich eine dunkelblaue, klare Decke, als der rostig-braune Pick-up auf die Einfahrt einbog, die unter dem Torbogen der Conally Horsefarm hindurchführte. Das große Farmhaus, das auf der Anhöhe thronte, war nur ein Bruchteil des großen Anwesens. Seit Jahrzehnten schon waren die Conallys im Besitz einer der führenden Pferdefarmen in Kentucky. Jedes Wochenende wurden hier die Transporter beladen mit den schnellsten Pferden, und meistens kamen sie mit goldenen Pokalen und dicken Schecks wieder zurück.

Der Fahrer des Pick-ups stieg aus und schmiss die Türe des Autos zu. Er war ein großer, grauhaariger Mann. Sein Gesicht war verschlossen, sehr kantig und hart und seine Augen von einem durchdringenden Blau. Er ging um das Auto und nahm eine lederne Tasche von der Ladefläche, wo sie unter Sätteln und Pferdedecken begraben war. Erst jetzt öffnete sich die Beifahrertür, und ein Mädchen, etwa fünfzehn Jahre alt, stieg aus. Ihre langen, schwarzen Haare wurden nur durch ein indianisches Stirnband aus ihrem Gesicht gehalten. Sie trug enge Jeans und eine von Hand gewebte, helle Bluse, die ihre rehbraune Haut und ihre schmale, fast dürre Figur besonders betonte. Sie hatte seit Tagen kaum gegessen. Aber den größten Unterschied zu einem glücklichen, ausgeglichenen Mädchen machte ihr Gesicht. Unter ihren dunkelbraunen, hübschen Augen zeichneten sich große, schwarze Ringe ab – ein Überbleibsel von vielen Nächten ohne Schlaf. Der Fahrer ging voraus und öffnete das Portal.

Sie folgte.

 

Schon in der Eingangshalle war alles anders als zu Hause. Sie war so groß wie das ganze Haus, das Mallandra mit ihrer Mutter bewohnt hatte, seitdem sie denken konnte. Aber zu Hause hatten bunte Indianerteppiche an den Wänden gehangen, hier waren es dunkle Portraits von Menschen und Pferden. Daneben waren kleine, goldene Schildchen, die verrieten, um wen es sich handelte.

Ihr Onkel, John Conally, ging die mächtige Treppe hinauf. Seine Schritte wi­derhallten auf dem perfekt gebohnerten Parkett. Mallandra folgte zögernd und dachte wieder an Zuhause. Dort gab es keinen widerhallenden Klang, alles war mit bunten Teppichen ausgeschlagen. Aber hier war nichts wie zu Hause. Es würde auch nie so sein. Wie konnte es auch? Zu Hause war ihre Mutter gewesen, die gab es jetzt nicht mehr. Ihren Vater auch nicht. Und genau deswegen war sie verdammt noch mal hier.

John war mit seinen großen Schritten inzwischen oben angekommen und eilte zielstrebig einen Korridor hinunter. Schließlich öffnete er eine Türe und ließ Mallandra eintreten.

„Dein Zimmer“, sagte er kurz „ich hoffe, es gefällt dir!“

Mallandras Augen wanderten durch den Raum. Das Zimmer war nett eingerichtet, ganz anders als die große Halle. Die Möbel waren aus weiß-gestrichenem Holz, dazu hellblaue Vorhänge – hier ließ es sich aushalten.

„Ich lasse dich jetzt alleine. Ich hoffe, du hast keinen zu großen Hunger.“

„Nein“, antwortete Mallandra wahrheitsgetreu.

Als John die Tür geschlossen hatte, atmete Mallandra erst einmal tief durch. This is it. Ihr neues Zuhause. Das Mädchen wunderte sich, wie sie diesen Moment mit so viel Fassung aufnehmen konnte. Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, stieg kurz unter die Dusche und legte sich dann ins Bett. Das letzte, was sie hörte war ein schrilles Wiehern.

 

Der Hengst stand starr auf der Anhöhe. Seine Nase war dem Gewitter zugewandt, seine Nüstern bebten. Er zitterte vor Erregung und wieherte noch einmal hell auf. Vergebens. Keiner seiner alten Kameraden hörte ihn, und er wusste, sie würden ihn auch nie hören. Das Gewitter kam grollend näher. Der Hengst schnaubte, er rief noch einmal, aber es blieb still. Blitze zuckten um ihn herum. Diese Nacht erinnerte ihn an jene schlimme damals, als sie ihn mit vielen anderen Pferden zusammengepfercht hatten. Damals hatten sich die Seile um seine Beine gewunden und er war eine Rampe hinaufgeschleift worden; an mehr konnte er sich nicht erinnern. Jetzt war es auch ganz egal - sein Leben war hin. Er wollte nur noch fort.

Noch einmal bäumte er sich auf, er tänzelte in der Luft und schlug sie mit den kräftigen Beinen. Zwei, drei, vier Meter lief er auf den Hinterbeinen, bevor er mit einem Krachen wieder auf den Boden kam. Steine und Grasfetzen wurden in alle Richtungen gewirbelt, und er sprang rückwärts. Ein lauter Donner ließ ihn zusammenschrecken, er wieherte schrill und warf die Beine nach oben. Mit wilden Augen drehte er sich um die eigene Achse und verfing sich mit dem Vorderbein in den Ästen eines tobenden, dornigen Busches, der vom Sturm heftig hin und hergeworfen wurde. Er strampelte, aber seine Hufe hatten sich fest in dem verwinkelten Astgeflecht verfangen. Schließlich gab der Busch mit einem lauten Ächzen nach. Dabei rissen die dornigen, umherpeitschenden Zweige eine große Fleischwunde auf der Brust des Pferdes auf, mit einem schrillen Schmerzensschrei konnte sich das tobende Pferd befreien. Als er endlich wieder den Boden unter den Hufen spürte, raste er am Zaun entlang, doch er konnte keinen Ausweg finden.

Es begann schon zu dämmern, und das mächtige Pferd rannte noch immer in einem atemberaubenden Tempo. Bald würden sie wieder kommen, mit ihren langen Peitschen und den Eisenstücken, die sie ihm in den Mund quetschen wollten, und er hatte noch immer keinen Ausweg gefunden. Sie verstanden ihn nicht. Sie verstanden ihn nicht und sie gingen auch nicht auf ihn ein. Sie waren zu blind dafür.