Sp(r)itzensport

Die Spitze ist greifbar nah, sie befinden sich auf einem Höhenflug und die Kette der Siege reißt nicht mehr ab. Neue Möglichkeiten eröffnen sich, Kader, Nationenspringen, Meisterschaften. Und doch muss man bedenken, dass Pferde auch nur Lebewesen sind...

Das tut Julia Baumert. Nur ein einziges Mal stellt sie den Sieg über die Gesundheit ihres Pferdes - ein Ausrutscher, der sie teuer zu stehen kommen wird. Ihr freier Fall beginnt ganz oben und scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein...

Mein drittes Buch - und meiner Meinung nach vielleicht auch mein schwächstes. Ich bin nämlich ganz schön vom Thema abgekommen.. Eigentlich sollte es um Doping gehen - es geht aber vor allem um ein Mädchen, das versucht, dem Druck der Spitze standzuhalten.


Leseprobe...

Die Musik wurde lauter, als Julia in den Parcours ritt. Lady machte ein paar Seitensprünge, bevor sie sich wieder fing. In Julias Bauch flogen die Schmetterlinge nun wild durcheinander, das Kribbeln steigerte sich bis ins Unerträgliche. Wie sollte das erst bei der Europameisterschaft sein, wenn sie jetzt schon vor Aufregung fast vom Pferd kippte!?

 

„In der Bahn nun das neueste Kadermitglied, Julia Baumert mit ihrer erst achtjährigen Holsteinerstute Ladylike!“, kündigte der Kommentator an. Julia erkannte die Stimme nicht, aber Herr Reuter war es bestimmt nicht. Der saß jetzt in der Richterbox mit seinem immer anwesenden Klemmbrett und runzelte abwartend die Stirn.

 

Als der saubere Galopprhythmus unter ihr begann, beruhigten sich Julias Schmetterlinge augenblicklich. Das Gefühl der überströmenden Ruhe stellte sich ein, sie ritt Lady auf den ersten Sprung zu und hatte ihn in Null Komma nichts überwunden.

 

Es war kein schwerer Parcours, aber die Hindernisse waren hoch und die Distanzen nicht immer einfach. Manchmal musste Julia sich mehr in die Zügel hängen als ihr lieb war, um Lady rechtzeitig wieder zu versammeln. Als sie die ersten vier Sprünge schon fehlerfrei überwunden hatte, baute sich die Kombination vor ihr auf. Der erste Oxer klappte problemlos, doch dann wurde Lady zu flach. Beim darauffolgenden Steilsprung klapperte die Stange erheblich, und beim letzten Sprung fiel sie dann ganz.

 

Nach dem kleinen Fiasko in der Kombination hatte sich Lady scheinbar jedoch wieder gefangen, munter überquerte sie Mauer und Doppelrick, dann galoppierte sie auf den Wassergraben zu. Ein, zwei, drei Galoppsprünge und dann – dann brach die Stute abrupt zur Seite aus. Die Zuschauer stöhnten.

 

Jetzt nicht aufgeben, weiterreiten

. Julia ritt einen engen Zirkel, stellte die Stute auf das Hindernis ein und fasste die Zügel noch ein wenig kürzer. Lady sprang tadellos über den Graben und überwand die letzten beiden Sprünge mit Leichtigkeit und Grazie.

 

 

„Julia Baumert auf Ladylike, zehn Strafpunkte.“ Das war alles, was der Kommentator zu sagen hatte. Verständlicherweise. Die zwei weiteren Punkte auf Julias Konto waren wohl Zeitüberschreitungen.

 

Seufzend parierte sie Lady durch und ritt mit hängendem Kopf vom Reitplatz. Auf ihrem Weg zurück zum Stall und der Aufwärmhalle begegnete sie Simon.

 

„Kopf hoch, passiert jedem Mal!“, versuchte er, sie zu trösten, aber Julia wagte noch nicht einmal, ihn anzusehen, so schämte sie sich für ihre miserable Runde. Sie war noch nicht einmal bei den Europameisterschaften und machte Lady schon mit ihrer Aufregung nervös! Oder war es anders herum? Übertrug sich vielleicht Ladys dünnes Nervenkostüm auf sie? Nein, es musste ihre Schuld sein, die Stimmungen und Gefühle des Reiters färbten bekanntlich auf das Pferd ab, so stand es in jedem Lehrbuch!

 

Am Ende gewann Simon, verdientermaßen. Alle hatten schon damit gerechnet, denn Simon war ohne Frage der beste im Kader. Das wusste jeder. Den zweiten Platz belegte Anna, und den dritten – Verena. Sie hatte Sorrado so geschickt vor die Sprünge gezerrt, dass sie sich anschließend nur noch zurücklehnen musste, während ihr Wunderschimmel den richtigen Absprung fand. Mit ein paar Gertenhieben bekam sie ihn zudem noch innerhalb einer recht guten Zeit ins Ziel.

 

Natascha und Sebastian hatten den Parcours zwar fehlerfrei bestritten, im Stechen hatten beide jedoch einen Abwurf. Lina, Sophie und Matthias hatten schon im Normalparcours einen Fehler. Einen wohlgemerkt, somit war Julia die schlechteste des Tages.

 

„Mach’ dir nichts draus, das ist immerhin besser als die Panne mit Poseidon letztes Jahr!“, munterte Annika sie auf. Julia musste lächeln, obwohl ihr wirklich nicht danach zu Mute war. Annika hatte Poseidon damals erst zum zweiten Mal auf einem Turnier geritten. Es hatte angefangen zu regnen, und als eine Dame am Rand des Viereckes ihren Regenschirm aufgespannt hatte, war Poseidon durchgegangen. Annika, die mit Lorelei ein ganz anderes Kaliber gewohnt war, hatte ihn nicht anhalten können, und außerdem hatte sie das Pech, dass es sich um ein ‚echtes‘ Viereck handelt, bei dem die Umrandung lediglich aus tiefen, weißen Planken bestand. Poseidon war über die Umrandung gesprungen und auf die Parkwiese gerannt, wo es Annika endlich gelang, ihn durchzuparieren. Die beiden waren disqualifiziert worden, aber das Pferd-Reiter-Team hatte die Feuerprobe bestanden und von da an hatten die Baumerts noch eine Geschichte, die sie bei Familientreffen oder Grillpartys zum Besten geben konnten.

 

Trotzdem den heiteren Erinnerungen machte Julia immer noch ein missmutiges Gesicht, als sie Lady absattelte. Sie hatte es vergeigt! Wenn sie von vornherein energischer getrieben hätte und die Zügel fester in der Hand gehabt hätte, dann wäre Lady unter allen Umständen über den Graben gesprungen und sie hätten sich zumindest die Verweigerung erspart. Auch in der Kombination hätte sie einfach etwas mehr Elan zeigen sollen, vielleicht einen auffordernden Klaps mit der Gerte geben sollen, dann wäre die Stange nicht gefallen, dann hätte es noch nicht einmal geklappert.

 

Sophie erschien vor der Box. „Auftrag vom Trainer. Teamtreffen in zehn Minuten im Speisesaal!“

 

Julia beeilte sich, ihr Zeug in der Kiste zu verstauen und Lady eine Abschwitzdecke aufzulegen. Dann ging sie in Richtung Unterkunft, durchquerte die Halle und öffnete die Tür zum Aufenthaltsraum. Die meisten der Reiter hatten sich schon versammelt, nur Verena und Sophie fehlten noch. Julia fiel auf, dass nur das Juniorenteam da war, Ponyreiter und Junge Reiter waren anscheinend nicht geladen. Das ließ wiederum schließen, dass es sich um die Europameisterschaft handelte.

 

Sophie und Verena trafen beinahe gleichzeitig ein, bildeten jedoch einen totalen Gegensatz. Verena stolzierte in perfekter Manier ins Zimmer, kein einziges blondes Haar lag fehl am Platz und sie trug noch ihre blaue Samtturnierjacke. Auf ihrer weißen Reithose war auch nicht nur die Andeutung eines Fleckes zu sehen.

 

Sophie platzte nur wenige Sekunden später herein. Ihr dunkelbraunes, schulterlanges Haar stand zu allen Seiten ab und war am Haaransatz schweißnass. Auf ihrer Reithose prangten grüne Grasflecken und an ihrer weißen Bluse waren mehrere Knöpfe offen. Sie musste über das ganze Gelände gehastet sein, um alle Reiter ausfindig zu machen.

 

Als Herr Reuter eintrat, wurde es schlagartig still. Alle wussten, dass das, was er zu sagen hatte, von großer Bedeutung war. Er machte jedoch keine Anstalten, zum Punkt zu kommen, palaverte erst einmal fröhlich, wie gut alle geritten wären und dass er sich um die kommende Saison keine Sorgen machte. Julia lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sah er sie nicht immer so streng, so warnend an? Konnte es sein, dass sie schon bald wieder aus dem Kader flog?

 

Dann wiederum munterte sie Herr Reuter plötzlich auf. „Es kommt nicht auf eine einzige Tagesform an, ich habe euch bei jeder Sichtung und jedem Turnier im Auge gehabt und habe mir ein langfristiges Bild gemacht.“ Gut, die heutige Panne konnte also nicht viel Schaden bei Julias Bilanz angerichtet haben!

 

„Also, ich habe eine Liste von denjenigen aufgestellt, die mit höchster Wahrscheinlichkeit bei der EM starten werden. Diese Ergebnisse sind noch nicht endgültig, aber sie können nur noch durch ein gutes Ergebnis bei den deutschen Meisterschaften verändert werden. Gebt also euer Bestes! Folgende Reiter sind im Moment aufgestellt…“

 

Julia glaubte, im nächsten Moment tot umzufallen, so schnell klopfte ihr Herz.

 

„Simon Wattmann mit Rebellion Rose.“

 

Das war klar gewesen. Noch drei Plätze übrig.

 

„Anna Benischke mit Louisiana NRW.“

 

Noch zwei Plätze.

 

„Natascha Wieland mit Nancy.“

 

Noch ein Platz. Julia hörte auf zu atmen, biss sich angestrengt auf die Lippe und spürte, wie ihre Handflächen schweißnass wurden.

 

„Verena Obermann mit Sorrado.“

 

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