Feodora Fortunis

Jasminas Leben ist alles andere als einfach: Mit ihrer großen Schwester Cordula lebt sie bei ihre exzentrischen Oma Esperanza, die ihr Leben der Wahrsagerei und einem Dasein als Medium verschrieben hat. Ihre Mutter erforscht seit Jahren den Amazonas, ihr Vater ist lange tot. Und als Cordula sich im Liebeskummer in die Beschwörungen und Prophezeihungen der Möchtegern-Hexe flüchtet, ist Jasmina entgültig die einzige Normale in der Familie - glaubt sie zumindest. Aber Esperanza scheint andere Pläne mit ihr zu haben und sagt ihr eine großartige Zukunft als Seherin voraus. Und Esperanza wäre nicht Esperanza, wenn sie nicht in Sekundenschnelle die erforderlichen Maßnahmen treffen würde, die Jasminas Leben gehörig aus den Fugen reißen... 

 

So. Das ist also meine Hoffnung. Feodora Fortunis. Der Name klingt doch irgendwie schon verheißungsvoll. Da 'Patrizia' im Moment auf dem windstillen Atlantik herumdümpelt, brauchte ich ein neues Pferd, auf das ich setzen kann - und voilà, in 'Feodora Fortunis' habe ich wieder einmal ein Setting gefunden, in dem ich meine Fantasie voll ausleben kann und das ich mit einem Haufen ulkiger Charaktere füllen kann! Und eins ist ganz klar: In die Welt der Seherei werde ich mich mehr als einmal begeben, sollte Feodora Fortunis denn den erhofften Anklang finden (soll heißen: es wird eine Serie... - meine erste richtige Serie ).


Leseproben... (ganz unterschiedliche Abschnitte aus verschiedenen Kapiteln!) 

Dem Lautstärkepegel nach freuten sich alle außer meiner Wenigkeit über alle Maße auf die Sommerferien. Bedrückt konnte man die Stimmung in der Klasse 6a jedenfalls nicht nennen, auch wenn eigentlich alles wie immer war. Papierkugeln flogen durch das Klassenzimmer, Jonas Ribbeke wurde aus dem Fenster gehängt, Larissa Hobelmann und ihr Hofstaat schmachteten die Bravo an, neben mir biss Nina Kretsch zufrieden mampfend in ihr drittes Pausenbrot und vor dem Lehrerpult stand Frau Wintertuch, schlechteste Deutschlehrerin und verpeilteste Klassenleherin aller Zeiten, und versuchte, sich Gehör zu verschaffen mit einer Stimme, die eher einem kaputten Teekocher ähnelte als einem menschlichen Sprechorgan.

„Ruuuuuuuuhe!“, fiepte sie. „Wenn ich bitte um Ruuuuuuuuuhe bitten dürfte!“ Verzweifelt holte sie mit dem Zeigestock aus, um ihn dann mit voller Wucht auf das Pult niedersausen zu lassen.

Die ganze Klasse drehte sich überrascht nach ihr um. Solche entschlossenen Aktionen waren wir nicht von der sonst etwas wunderlichen Frau Wintertuch gewöhnt.

Als sie sich sicher war, die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse auf sich gezogen zu haben und auch Jonas Ribbeke wieder sicher auf seinem Stuhl saß, räusperte sie sich und sah sich dann in der Klasse um.

„Also, bevor ich, äh, die Zeugnisse austeile, habe ich, äh, noch eine, äh, wichtige, äh, Mitteilung zu machen“, begann sie verlegen und ihre Finger verkrampften sich um den Stapel Zeugnishefte, den sie im Arm trug, an die Brust gepresst, als ob er ihr Kraft gäbe für die Mitteilung, die sie zu machen hatte.

„Ich, nun, ich, äh, werde nach den Sommerferien nicht mehr an dieser Schule sein.“

War es vorher ohrenbetäubend laut gewesen, so konnte man nun wirklich eine Stecknadel auf den Boden fallen. Unglücklicherweise war gerade vorhanden, um diese seltene Situation zu nutzen, dafür fielen Frau Wintertuchs folgende Wörter umso schwerer in die Stille.

„Es war eine rein persönliche Entscheidung, die Schule zu verlassen. Die letzten zwei Jahre mit eurer Klasse waren schön, aber ich werde jetzt an einem anderen Ort gebraucht. Mehr gibt es nicht zu sagen. Ich wünsche euch schöne Ferien und alles Gute für die Zukunft. Ihr bekommt jetzt eure Zeugnisse.“

Ich war – und an dieser Stelle hatte ich vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben etwas mit dem Rest der Klasse gemeinsam – einen Moment lang so verwirrt, dass ich erst nach ein paar Sekunden merkte, dass Frau Wintertuch ihre sonst so allgemein präsenten Ähms anscheinend bei dieser Ansprache vergessen hatte und auch ihre ständige Unsicherheit kurzzeitig einem auffallend entschlossenen Blick gewichen war. Sie lächelte uns mit Grübchen in den Wangen zu, aber ihre Augen schienen plötzlich aus Eis zu sein.

Larissas Hand schoss in die Höhe.

„Ja, Larissa?“, fragte Frau Wintertuch erstaunt.

„Wohin werden sie gehen?“

Frau Wintertuch zögerte. Es schien fast, als müsse sie sich eine Lüge überlegen, um ihr eigentliches Ziel nicht verraten zu müssen.

„Weit fort. Ans Meer“, antwortete sie schließlich mechanisch und begann dann, auf ihren wie immer feuerroten Absatzschuhen den Gang auf- und abzutrippeln und die Zeugnisse auszuteilen.

Ich verschränkte die Arme auf der Tischplatte, lauschte dem Schmatzen von Nina neben mir und wartete darauf, dass Frau Wintertuch bei meinem Namen ankam, der mit dem Anfangsbuchstaben S relativ weit hinten im Alphabeth lag.

Frau Wintertuch verließ die Schule. Das waren allerdings Neuigkeiten. Sie hatte irgendwie immer so gewirkt, als hätte sie viel zu viel Angst vor Veränderungen, um die Schule jemals zu verlassen. Sie schien das ganze Leben mit all seinen Tücken zu fürchten, auch wenn sie das mit einer sauertöpfigen Miene und einer grantigen Stimme gut überspielte. Mich konnte sie damit nicht täuschen. Es gab genau zwei Dinge auf der Welt, die ich gut konnte: Mathematik und Leute durchschauen.

Frau Wintertuch stand jetzt vor mir und hielt mir mein Zeugnis entgegen. Mein unmöglicher Name stand in fetten, schwarzen Lettern darauf. Jasmina Violetta Sesam. Einen schlimmeren Namen gibt es nun wirklich nicht. Dem Vorfahren, der einst beschlossen hatte, seine Dynastie nach einem kleinen, hellbrauen Körnchen zu nennen, würde ich gerne einmal die Meinung sagen.

„Weiter so“, sagte Frau Wintertuch und ging dann weiter zum nächsten Schüler. Ich schlug mein Zeugnis auf und ließ meine Augen kurz über die Ansammlung von Zahlen wandern, die sich mir offenbarten. Keine großen Überraschungen. Wie jedes Jahr war ich ganz und gar durchschnittlich, bis auf die Eins in Mathe. Die hatte ich schon, seit ich überhaupt Noten bekam. Was wiederum merkwürdig war, den meine Familie hatte so gar nichts mit Mathe am Hut. Meine Familie hatte mit überhaupt nichts Grauem, Langweiligen wie etwa Mathematik, Physik oder… Goldfischzucht am Hut. Aber dazu später.

Durch den nun wieder anschwellenden Schülerlärm, aus dem nur Larissa Hobelmanns Stimme hervorstach, die sich lautstark über ihre Drei in Deutsch beschwerte, drang das eine Geräusch, auf das alle gewartet hatten: die Klingel. Wie an Marionettenfäden sprangen alle Schüler gleichzeitig auf und das Chaos brach endgültig aus. Hastig wurde alles Erdenkliche in die Schultaschen gepackt, gerammt und gequetscht und der ganze Pulk der 6a drängte auf die Türe zu.

Ich reihte mich wie immer ganz am Schluss ein und wartete geduldig, bis sich das Kamel namens Klasse durch das Nadelöhr namens Tür gefädelt hatte.

„Tschüss, Laura!“, rief ich über die Köpfe hinweg, aber meine einzige Fast-Freundin drehte sich nicht einmal nach mir um. Neben mir riss Nina einen Marsriegel auf.

Frau Wintertuch sah der Klasse kopfschüttelnd nach und begann, die Fenster zu schließen, durch die eine angenehme Sommerbrise wehte. Auf dem Schulhof, der hinter den Fenstern zu erahnen war, spielten bereits übermütige Fünftklässler.

Plötzlich kam etwas Rotes mit Höchstgeschwindigkeit durch das Fenster geschossen, direkt auf Frau Wintertuch. Ich riss gerade die Augen auf, um zu erkennen, was es war, da war es schon verschwunden. Erst nach einigem Blinzeln erkannte ich, dass Frau Wintertuch plötzlich einen knallroten Gummiball in der Hand hielt.

„Passt bitte besser auf!“, rief sie nach draußen und warf den Ball zurück ins Getümmel. Ich stutzte. Seit wann hatte Frau Wintertuch so bemerkenswerte Reflexe?

Endlich war die Tür frei und die Ferien konnten damit auch für mich beginnen. Auf dem Gang winkte mir Nina mit einem halbgegessen Marsriegel zum Abschied zu, grinste ein schokoverschmiertes Grinsen und dann war ich allein.

Die kommenden sechs Wochen würde ich völlig allein sein.

Das war natürlich übertrieben, ich hatte schließlich meine große Schwester Cordula und meine Oma, aber die konnte man nicht wirklich als normale menschliche Gesellschaft zählen. Naja, auf die Gesellschaft meiner Klassenkameraden war ich andererseits auch nicht besonders erpicht.

Im Angesicht der sechs öden Wochen, die vor mir lagen, schlurfte ich zum Fahrradständer, wo mir mein Fahrrad schon von Weitem ins Auge stach. Es war der mit Abstand rostigste und älteste Drahtesel, ganz abgesehen davon, dass es rot-gelb gestreift war und statt einer Klingel eine Kuhglocke am Lenker hängen hatte. Es entsprach damit absolut den Stilvorstellungen meiner Oma Esperanza.

Meine Schwester und ich wohnten seit fünf Jahren bei Esperanza ( das Wort ‚Oma‘ durften wir in ihrer Gegenwart auf keinen Fall erwähnen ). Wir hatten natürlich auch Eltern, aber mein Vater war ein Jahr nach meiner Geburt gestorben und meine Mutter befand sich – angeblich – auf einer strenggeheimen wissenschaftlichen Expedition am Amazonas. Der Amazonas muss ziemlich lang sein, denn sie ist schon seit geschlagenen fünf Jahren dort. Langsam müsste er wirklich ausgeforscht sein.

Früher hatten Cordula und ich manchmal den Verdacht gehegt, dass auch mit ihr irgendetwas nicht stimmte, dass sie vielleicht unter genau so mysteriösen Umständen gestorben war wie unser Vater, aber mittlerweile hatte ich meine Fantasie an den Zügel gekriegt und vertraute darauf, dass die Person, die in unregelmäßigen Umständen bei uns anrief wirklich meine Mutter war. Mit Cordula konnte man längst nicht mehr so gut fantasieren und spinnen wie früher.

Ich trat kräftig in die Pedale und ließ mir den Fahrtwind um die Nase wehen, während ich darüber nachdachte, warum das so war. Bei anderen Mädchen übernahmen im Alter von fünfzehn Jahren wohl einfach die Hormone über und deshalb verändern sie sich. Was Cordula anging, so konnte ich ziemlich genau sagen, dass das bei ihr nicht der Fall war.

Eigentlich hatten wir uns immer gut verstanden, Cordula und ich, schließlich mussten wir zusammenhalten. Aber vielleicht ist es unausweichlich, dass man selbst abdreht, wenn man fünf Jahre lang mit einer, nun, sagen wir, leicht abgedrehten Person zusammenlebt.

Ich erinnerte mich daran, wie viel Spaß Cordula und ich früher gehabt hatten, wie viel Spaß Mama und Codula und ich früher gehabt hatten, bevor Mama auf ihre Supermission abgezischt war und mich und meine Schwester bei Esperanza gelassen hatte. Eigentlich hatte ich nichts gegen Esperanza, aber wenn man dauerhaft in ihrer Nähe sein musste, konnte sie einem auf die Nerven fallen.

Ich lenkte das Fahrrad in die Reihenhaussiedlung, in der wir wohnten. Eigentlich passten wir nicht wirklich hierher, in eine kleinkarierte Nachbarschaft mit kleinkarierten Nachbarn, die sonntags mit dem Lappen ihren Mercedes polierten und den Rasen mit der Nagelschere schnitten, Gartenzwerge im Garten stehen hatten und Spitzengardinen in den Fenstern hängen hatten. Deren Tischgespräche drehten sich im Allgemeinen um den Unfug, den die Nachbarn schon wieder angestellt hatten und die Schlagzeilen der Tageszeitung. Unsere Tischgespräche drehten sich um Kristallkugeln und Sternenkonstellationen, im Garten hatten wir einen Haufen kaputter Tonkatzen zwischen einem ganzen Urwald aus ungeschnittenem Gras und Unkraut ( ehrlich, Mama müsste eigentlich nicht unbedingt bis an den Amazonas reisen, um die wilde Natur zu erforschen ), vor der Garage stand kein Mercedes, sondern ein ganz und gar nicht blank polierter alter VW-Polo in der gleichen Farbe wie mein Fahrrad, der auf den Namen Heribert hörte, und die einzige Zeitung, die Esperanza las, hieß: Galacticus – Das Magazin für Wahrsager, Medien und Hexen. Nein, falsch, hin und wieder kaufte sie sich auch irgendwo ( keine Ahnung, wo man so etwas bekommt ) die Tageszeitung dieses wundersamen Volkes, die ironischerweise Morgen hieß.

Ich bog in die Merkurstraße ein. In den letzten fünf Jahren hatte ich nicht herausfinden können, ob Esperanza per Zufall in ebendieser Straße gelandet war oder ob sie ihren Wohnsitz wegen des Straßennamens gewählt hatte. Eigentlich war es mir auch egal. Esperanza war so oder so schon merkwürdig genug.

Merkurstraße 55, so lautete unsere Adresse. Und so würde sie auch noch eine Weile lauten, wenn Mama nicht bald zurückkam. Hinter der unschuldigen Adresse verbarg sich ein zweistöckiges, kastenförmiges Reihenhaus, eingequetscht zwischen die identisch kastenförmigen Häuser der Familien Harrit ( Hundeliebhaber, Autopolierer ) und Braun ( Gartenzwergliebhaber, Autopolierer ). Nummer 55 bildete einen krassen Kontrast zu den Wohnstätten dieser beiden Familien. Bei uns nämlich hingen statt den Spitzengardinen rote und gelbe Tücher vor den Fenstern, an der Haustür prangte kein Goldschildchen und weder Klopfring noch Klingel, sondern die ohnehin spärlichen Besucher mussten sich durch einen Strang, an dem ein gutes Dutzend Blechdosen hing, bemerkbar machen. Der Postbote stellte die Pakete deswegen schon lange nur unauffällig vor die Tür, um nicht ‚klingeln‘ zu müssen. Aber Pakete gab es sowieso nur, wenn Esperanza mal wieder eine neue Kristallkugel über esoterik-shop.de oder ähnliche Webseiten bestellt hatte.

Ich lehnte mein Fahrrad an die Wand hinter Heribert und drehte dann am Zahlenschloss der Haustür herum. Esperanza ist wahrscheinlich die einzige alte Frau im ganzen Universum, die sich ein Zahlenschloss statt eines herkömmlichen Schlosses angeschafft hat. Bei ihrem Talent, Dinge zu verlegen war das vielleicht gar nicht mal so schlecht, andererseits war es für andere Hausbewohner auch nicht unbedingt das einfachste System, wenn Esperanza die vierstellige Zahl alle zwei Wochen änderte. Sie las die Zahlen angeblich an den Sternen ab, wie eigentlich fast alles in ihrem Leben.

In der Diele angekommen, hörte ich schon unser Empfangskomitee, das aus einem einzigen zitronengelben Wellensittich bestand, den Esperanza Beethoven getauft hatte. „Die Welt geht unter!“, tirilierte er. „Die Welt geht unter! Die Welt geht unter! Die Welt geht uuuuuunter!“

Jeden Tag, wenn ich von der Schule nach Hause kam, fragte ich mich, warum man, wenn man schon zufällig einen sprachbegabten Wellensittich erwischt hat, ihm ausgerechnet apokalyptische Hiobsbotschaften beibringt. Dabei sollte ich eigentlich längst gelernt haben, dass man in Esperanzas Haus auf keinen Fall nach dem ‚Warum‘ fragen sollte, sondern sich darauf konzentrieren sollte, keinen Krampf im Nacken vor lauter Kopfschütteln zu kriegen.

Es war still, düster und stickig. Ein feiner, einschläfernder Lavendelduft zog in Schwaden durch den Flur. Tobby strich mir um die Beine. Oder war es Tibby?

Esperanza besaß fünf schwarze Katzen. Dem Menschen, der fünf rabenschwarze Hauskatzen auseinanderhalten kann, möchte ich einmal begegnen. Ich konnte es jedenfalls nicht, auch wenn ich schon in der ersten Woche, die ich bei Esperanza verbracht hatte, alle fünf Katzen gemeinsam mit Cordula umbenannt hatte. Sie hatten auch wirklich die abscheulichsten Katzennamen, die man sich vorstellen konnte. Esperanza hatte sie Fräulein Kunigunde, Saturn, Galaxis, Mister Future und Destiny genannt. Cordula und ich hatten uns hingegen auf Tabby, Tebby, Tibby, Tobby und Tubby beschränkt. Jetzt allerdings war ich die einzige, die die Katzen noch bei diesen Namen nannte. Die einzige Normale in diesem Irrenhaus …

In der Küche köchelte etwas im Ofen. Esperanza hatte ihr scheußliches Gulasch gemacht. Alles, was Esperanza machte, schmeckte scheußlich, das war eine Grundregel, genauso wie Minus mal Minus Plus ergibt. Sie konnte einfach nicht kochen. Aber Cordula und ich konnten es auch nicht, also überließen wir ihr meist das Feld.

Ich brachte meinen Schulranzen lieber gleich nach oben in mein Zimmer, bevor Esperanza noch irgendetwas darin fand, das sie für ihre … Studien verwenden konnte. Direkt neben der Tür führte eine schmale, steile Treppe hinauf in das Obergeschoss, wo mein Zimmer lag, das von Cordula und das winzige, das meine Mutter bewohnen sollte, sollte sie denn jemals noch einmal aufkreuzen. Ein kleines, schrammeliges Bad gab es auch, mit einer Badewanne, die auf Löwenfüßen stand. Wenigstens gab es normale Wasserhähne und keine wasserspeienden Drachen wie in dem Bad unten, das Esperanza für sich beanspruchte.

Ich stellte meine Tasche unter meinen Schreibtisch und ließ mich dann auf mein Bett fallen. Zuvor musste ich allerdings Saturn verscheuchen, der ärgerlich einen Buckel machte und aus dem Zimmer huschte.

Mein Zimmer war, wie alles in Esperanzas Haus, nicht besonders groß. Zwischen Schrank und Bett blieb noch ein knapper halber Meter. Früher hatte ich noch um ein Hochbett gebeten, um den wenigen Platz, den ich hatte, ideal ausnutzen zu können, doch inzwischen hatte ich aufgegeben.

Unten schlug Beethoven mit seiner Botschaft von der Apokalypse Alarm. Cordula war nach Hause gekommen.

Im Gegensatz zu mir versuchte sie nicht, allen seminormalen Elementen dieses Haushaltes aus dem Weg zu gehen, sondern ließ ihre Schultasche direkt in der Eingangshalle fallen, um Esperanza aufzusuchen. Da um ein Uhr mittags keine Sterne mehr am Himmel standen, die sich zur Beobachtung eigneten, gab es eigentlich nur einen Ort, wo sie sein konnte.

In unserem Hintergarten stand ein Zelt. Nicht die Art von Zelt, die sich normale Leute in den Garten stellen, wenn sie einen plötzlichen Anflug von Campingwut bekommen, sondern ein kreisrundes, rotgelbes Zelt aus langen Teppichbahnen. Es war wohl größer als mein ganzes Zimmer und hatte auch die stattliche Höhe von etwa zwei Metern. In ihm hielt sich Esperanza auf, wenn sie ihrer Tätigkeit als Wahrsagerin, Medium und sonst allen möglichen esoterischen Berufen nachging.

Nur um eins klarzustellen: Esperanza ist keine Hexe! Sie hat keinerlei paranormale Fähigkeiten, bis auf wirklich überirdisch grausame Kochkünste. Sie hat noch nichts richtig vorhergesagt bis auf das Wetter, und das wusste sie nur, weil sie am Tag davor die Zeitung an der Supermarktkasse gelesen hatte. Geister gab es in unserem Haus nicht, und Außerirdische schon gar nicht. Es gab also keinen Grund für die Annahme, das Esperanza tatsächlich in irgendeiner Hinsicht übersinnlich begabt sei.

Dumm nur, das Cordula genau das glaubte, seit Esperanza ihr prophezeit hatte, dass aus ihr einmal die berühmteste Wahrsagerin aller Zeiten werden sollte. Angeblich hatte Esperanza ihre Aura gespürt, und die Empfindsamkeit, mit der diese Schwingungen aus der Zukunft aufnahm, und Uranus und Mars hatten ihr verraten, dass Cordula eine große Zukunft bevorstand … blablabla. Ich erinnerte mich noch genau an den Abend, an dem Cordula neben mir auf genau dem Bett hier gesessen hatte und mit von dem Gespräch mit ihr erzählt hatte. Esperanza hatte natürlich eine möglichst geheimnisvolle Umgebung gewählt, sie in ihr Zelt eingeladen, wo den ganzen Tag betörende Düfte aus irgendwelchen Ölen herumgeisterten, die wahrscheinlich auf der Liste der illegalen Drogen standen. Sie hatte ein Feuer gemacht und aus der Asche gelesen, hatte alte Gedichte vorgetragen und Cordula schließlich in ihre angebliche Bestimmung eingeweiht. Seitdem fragte ich mich immer wieder, ob mir das nach meinem fünfzehnten Geburtstag auch blühte. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber davor fliehen.

„Du glaubst ihr doch nicht etwa?“, hatte ich belustigt gefragt. Und Cordula hatte energisch den Kopf geschüttelt.

„Nein, ich glaube ihr nicht, Kleine“, hatte sie geantwortet, aber ich weiß noch ganz genau, wie mich damals schon der Funke der Unsicherheit in ihrer Stimme beunruhigt hatte.

Kleine hatte sie mich nun auch schon lange nicht mehr genannt. Früher hatte ich jedes Mal die Faust erhoben, wenn sie mich so genannt hatte, aber inzwischen sehnte ich mich nach dem zärtlichen Spott in ihrer Stimme zurück. Ich sehnte mich nach allem an der alten Cordula zurück.

„Jasmina Feodora, Essen!“, drang da plötzlich eine schrille Stimme herauf. Esperanza war tatsächlich aus ihrem Zelt hervorgekommen, um zum Essen zu rufen. Sie musste einen wirklich frustrierenden Vormittag hinter sich haben, ohne eine einzige Vision oder Eingebung…

Ich seufzte, bereitete mich innerlich schon auf ihre schlechte Laune vor und ging die Treppe herunter. Esperanza ist und bleibt im Übrigen die einzige, die mich bei meinen beiden Vornamen nennt. Selbst Cordula macht das nicht. Aber eigentlich ist mir das egal, sie sind schließlich beide exzentrisch. Im Doppelpack wirken sie nur noch merkwürdiger. Ich hatte mich immer schon gefragt, wer sie eigentlich ausgesucht hatte – Mama als Regenwaldforscherin hätte ich eigentlich eher irgendwelche langweiligen, alltäglichen Namen zugetraut. Aber wahrscheinlich schlug meine Großmutter da einfach durch, schließlich war auch Cordula mit eher wundersamen Namen beschenkt. ‚Cordula‘ ging ja noch, es war vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß, aber mit zweitem Namen hieß sie Finessa. Das musste wirklich eine Wortschöpfung von Esperanza sein, anders konnte ich die wahllose Aneinanderreihung von Buchstaben nicht erklären. Inzwischen machten ihre Namen Cordula allerdings nichts mehr aus – im Gegenteil, ich meinte zu wissen, dass sie mit dem Gedanken spielte, sogar noch weitere anzuhängen.

Auf dem Tisch erwartete mich schon eine von Esperanzas exzentrischen Kreationen – heute sah es aus, als hätte sie den Gulasch zu allem Übel auch noch mit Honig übergossen. Esperanza selbst thronte schon auf ihrem zerschlissenen Samtsessel und lud sich eben einen Berg Honiggulasch auf den Teller.

„Liebchen!“, flötete sie, als sie mich kommen sah. „Hattest du einen galaktischen Tag in der Schule?“ Bei dem Wort galaktisch schlug sie ihre Fingerspitzen über dem Teller zusammen, wobei die unzähligen Ringe und Armreifen an ihrer Hand klingelten, die natürlich alle irgendeine magische Bedeutung hatten klingelten wie hyperaktive Kirchenglocken.

„Hmmmm“, machte ich nur. Das wir heute Zeugnisse bekommen hatten, war Esperanza hundertprozentig entfallen, aber es wäre ihr sowieso egal gewesen. Noten und Leistungen waren ihr ungefähr so wichtig wie der Fliegenschiss an ihren Fenstern.

Cordula saß Esmeralda gegenüber. Sie trug wenigstens kein langes, wehendes und türkisblaues Gewand wie Esperanza, die jeden Tag aussah, als wäre sie irgendeinem Fantasy-Film entsprungen. Dafür hatte sie mehrere bunte Bänder in ihre blonden, langen Haare eingeflochten und trug eine Kette, an dem ein fast hühnereigroßer blauer Edelstein baumelte. Insgeheim fragte ich mich, ob sie den wohl benutzen wollte, um irgendjemanden zu hypnotisieren.

„Hallo, Jasmina“, sagte sie nur und attackierte dann mit ihrem Löffel den Honiggulasch.

Die Mahlzeiten wären mittlerweile wohl recht stille Angelegenheiten geworden, gäbe es da nicht Esperanza, die munter von den Sternenkonstellationen und den Teeblättern und den Zeichen des Feuers redete, die ihr allesamt vorausgesagt hatten, dass der Abend und insbesondere die Nacht eine besonders günstige Aura zum Lesen der magischen Zeichen der Zeit bringen sollte. Cordula nickte natürlich zu allem eifrig, machte „Mhm“ und „Jaaaaa“ und „Oooooh“ und schien dabei ganz zu vergessen, dass das, was sie gerade in sich hineinschaufelte, absolut widerwärtig war – jedenfalls nahm sie sich noch einmal nach.

Das war auch schon das letzte, was ich von meiner ‚Familie‘ am heutigen Tage sehen sollte.

 

 


Heribert keuchte ein paar Mal, dann sprang er tatsächlich an und zuckelte durch unsere Siedlung.

Wie gesagt, es ist nicht die hübscheste Siedlung, um genauer zu sein, das Viertel ist ziemlich spießig und die Häuser nicht mehr ganz neu, aber auf einmal wünschte ich mir nichts sehnlicher, als hierbleiben zu dürfen. Ich würde mich in meinem Zimmer verkriechen und den Esperanza-Wahnsinn aussperren oder mich in unserem verwilderten Garten ins Gras legen und die Wolken beobachten, ich würde mir ein Eis am Kiosk kaufen und vielleicht würde ich irgendwann einen Versuch starten, mit Laura oder wenigstens Nina ins Freibad zu gehen. Ich würde Bücher lesen und eine Radtour machen, ganz allein, irgendwo in den Wald, wo alles um mich herum wirklich existierte und nicht etwa der Fantasie meiner Oma entsprungen war.

Ja, so hätten die Sommerferien aussehen sollen. Erst bei diesen Träumen wurde mir bewusst, dass ich um meine Sommerferien betrogen worden war und absolut nichts dagegen getan hatte. In weniger als einer halben Stunde würde mich Esperanza bei einer verrückten selbsternannten Lehrerin abliefern, die mich jeden Tag in den unnötigsten Künsten des Universums unterweisen würde.

Was hatte ich getan, um mit diesem Leben abgestraft zu werden?

Mein Vater war tot. Ok, andere Kinder hatten auch tote Väter. Ich hatte ihn sowieso nie gekannt, also kam ich damit klar.

Meine Mutter war verschwunden. Auch damit hatte ich mich inzwischen abgefunden. Ich vermisste sie nicht mal mehr richtig, weil ich nicht genau wusste, wer die Person eigentlich war, die ich vermissen sollte.

Meine Schwester war durchgeknallt. Das war schon schlimmer. Cordula und ich waren uns immer sehr nah gewesen. Aber zum Glück war ich mittlerweile alt genug, um auch ohne Cordula im Irrsinn meines Lebens klarzukommen.

Meine Oma war … jenseits von Gut und Böse. War sie immer schon gewesen. Ich hatte mich daran gewöhnt.

Aber jetzt beförderte mich ihr Monster von Auto auch noch in eine Irrenanstalt, in der ich die ganzen Sommerferien lang gefangen war, während andere den strahlenden Sonnenschein genossen!

Das Leben war unfair. Unfair, unfair, unfair. Basta.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und starrte aus dem Fenster, während Esperanza am uralten Kasettenrecorder herumfummelte und schließlich eine ihrer Lieblingsgruppen durch Heriberts Innereien tönte. Am liebsten hörte sie einen Musikstil, der sich anhörte, als habe sich eine Gitarre selbstständig gemacht und eine orientalische Sängerin verschluckt, verdaut und wieder ausgespuckt. Ich fragte mich, wie sich die Produktion solcher grausigen Kasetten ökonomisch lohnen konnte. Wahrscheinlich hatte Esperanza das ganze Sortiment aufgekauft, um den Lebensunterhalt und das weitere Schaffen der Künstler zu gewährleisten – voll genug war ihr Dachboden eigentlich.

Wir fuhren durch eine Art grünes Nichts. Nein, hin und wieder begegnete uns schon ein Haus oder ein kleines Dörfchen, aber es schien hier auf jeden Fall deutlich weniger Menschen zu geben als bei uns. Da war niemand, der mich warmherzig aufnehmen würde, wenn ich mich auf meiner Flucht vor Peruva Prunzill verirrte …

Wenigstens würde mich Esperanza heute Abend wieder abholen. Wenn sie es nicht vergaß. Vielleicht schlief sie mal wieder beim Kräuter-Schnüffeln ein…

Cordula saß schweigend neben mir. Wenigstens heute schien ihre Laune kaum besser als meine. Immerhin war sie mitgekommen. Auch, wenn zwischen uns nichts mehr so war wie früher gab mir das irgendwie etwas seelischen Beistand und den brauchte ich dringend.

Und dann wand sich die leere Straße plötzlich in ein kleines, heruntergekommenes Dorf hinein und wieder hinaus. Esperanza warf einen Blick auf die zerknitterte Karte, bog auf einen Feldweg an, der hinter ein paar Bäumen breiter wurde und geschottert war und schließlich in einem kleinen Parkplatz endete.

Zunächst wusste ich nicht, was hier sollten, irgendwo im Nirgendwo. Dann erblickte ich das Haus.


An der Ecke kam uns wieder der Eiermann entgegen. Esperanza runzelte die Stirn.

„Der Mensch ist heute schon mindestens drei Mal durch die Straße gefahren. Dabei kommt er montags eigentlich nie.“

Der Eiermann allerdings war nicht der einzige, der früher montags nie da gewesen war und jetzt plötzlich dauernd auftauchte. Viel bemerkenswerter war jene Person, die uns zunächst beim Einparken von der anderen Straßenseite beobachtete und dann auch noch bei so ziemlich allem anderen, das wir an diesem Abend noch taten und das durch ein Fenster ersichtlich war.

An diesem Montag nämlich tauchte der grüne Mann auf.

Ich taufte ihn den ‚grünen Mann‘, weil er ganz in grün gekleidet war – unübertrieben. Es war nicht einmal ein Grün, das einem hin und wieder in einem normalen Kleidungsgeschäft begegnete, sondern ein beißendes, irgendwie dreckiges und doch ziemlich knalliges Grün, dass sämtliche Kleidungsstücke in Beschlag nahm – die Schiebermütze, den über einem kleinen Bauch spannenden Anzug, sogar die Schuhe, die aus einer Art Schlangenleder gefertigt schienen und vorne überdurchschnittlich spitz zuliefen. Um ehrlich zu sein: Er sah ziemlich bekloppt aus. Und bestimmt nicht wie jemand aus einer spießigen Reihenhaussiedlung.

Zunächst bemerkte ich ihn nur irritiert, beachtete ihn aber nicht weiter. Er sah auf der steinernen Mauer des gegenüberliegenden Reihenhauses mit dem Rücken zum mit der Nagelschere getrimmten Rasen. Ich reimte mir zusammen, dass er vielleicht auf jemanden wartete, eine ähnlich bekloppte Frau zum Beispiel. Aber als ich nach einer Stunde mit einem Bauch voller Gurkenmarmeladenbrot wieder aus dem Fenster sah, war er immer noch da. Er hielt den Blick starr auf unser Haus geheftet. Manchmal schloss er die Augen, aber sein Gesicht veränderte sich nie. Er sah mindestens so konzentriert aus wie Cordula beim Visionieren. Wie gesagt, es sah immer aus, als wolle sie ein Ei legen. Ein wenig musste ich doch lachen bei dem Gedanken daran, wie der grüne Mann sich irgendwann erheben würde und auf Miesbuschs‘ Mauer ein ebenso grünes Ei hinterlassen würde.

Irgendwann wurde ich unruhig und stieß Cordula an.

„Wie lange hockt der Typ da schon so?“, fragte ich leise, obwohl er uns ja eigentlich nicht hören konnte.

„Ziemlich lange“, wisperte Cordula zurück. „Bestimmt ein paar Stunden.“

Was wollte ein komplett grün angezogener, älterer Herr mit Bauch ein paar Stunden lang auf der Mauer gegenüber unseres Hauses? Normal war das nicht – oder? Was war schon normal? Wir ganz bestimmt nicht.

Als ich ins Bett ging, saß er immer noch da, dabei ging ich sogar ziemlich spät ins Bett. Er saß genau im Kegel der Straßenlaterne. Der weiche Schein der Lampe ließ ihn noch unwirklicher werden, als er ohnehin schon war. Bis auf ihn war die Straße vollkommen tot. Aber er war nach wie vor hellwach, die Augen auf unser Haus konzentriert.

In dieser Nacht zog ich zum ersten Mal seit langem wieder die mottenzerfressenen Vorhänge zu. Aber als ich eine halbe Stunde später (wer konnte schon mit einem grünen Mann unter dem Fenster schlafen?) vorsichtig durch den Vorhang lugte, war er immer noch da.

Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich schlich aus meinem Zimmer und streifte ein wenig im düsteren Haus herum, bis ich auf eine der Katzen stieß. Kurzerhand nahm ich sie mit in mein Zimmer, wo ich feststellte, dass es Tibby war. Ich ließ sie sich in meine Decke einrollen und wurde langsam ruhiger, während sich ihr Schnurren einstellte. Mit einer Katze bewaffnet schlief ich schließlich ein.

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Kommentare: 1
  • #1

    laila (Freitag, 22 Juni 2012 10:22)

    vielen Dank für die Leseprobe :) würde mich freuen wenn´s bald als buch rauskommt :) lg laila